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150 Jahre Cafe Reichard 1855-2005

1855 - 2005

12.11.2005
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Kölnischen Rundschau

Baumkuchen mit Blick auf den Dom

Das Café Reichard feiert 150-jähriges Bestehen - Jubiläumstorte
von EVELINE KRACHT

Mit ausladenden Hüten saßen die eleganten Damen an den Tischen, plauderten angeregt bei Kaffee und Likör oder gaben sich dem Bridge-Spiel hin. Die Herren, gut situierte Kaufleute und höhere Beamte vor allem, unterhielten sich übers Geschäft und warfen der aparten Augenweide vom Nachbartisch gelegentlich kokette Blicke zu.
Schon vor 150 Jahren war das Café Reichard einer der gefragtesten Treffpunkte in der Stadt. So wie heute im Sterne-Restaurant kehrte die "bessere Gesellschaft" bevorzugt bei Konditormeister Georg Reichard ein. Etwa dort, wo sich heute die Stollwerck-Passage befindet, hatte er im November 1855 auf der Hohe Straße 154 sein Caféhaus eröffnet. Prächtige Lüster, Stuckdecken, holzvertäfelte Wände, stilvolle Gemälde und weiß gedeckte Tische prägten das vornehme Ambiente. Der Laden lief, und zwar so gut, dass Reichards Nachfolger zwecks Erweiterung im Jahr 1905 in das Haus Unter Fettenhennen 11 umzog. Eine im wahrsten Sinne weitsichtige Entscheidung. Denn durch die erstklassige Lage mit Blick auf dem Dom avancierte "das Reichard" mit seinen heute 800 Plätzen - inklusive Terrasse - zu den bekanntesten Cafés Europas.
1966 übernahm der WDR den Komplex und baute das Haus im neugotischen Stil auf. 1975 stieg der Kölner Gastronom Fritz Betz als Pächter ein, der den Betrieb inzwischen gemeinsam mit Sohn Heinz-Josef führt. Berühmt ist das größte Café Kölns wie eh und je für seine reiche Auswahl an Kuchen. Als Favoriten, verrät Konditormeister Frank Herrmann, gelten allerdings nicht mehr unbedingt die cremehaltigen Kalorienbomben. Mal abgesehen von der stets gefragten Spezialität des Hauses - Baumkuchen - liegen Apfel-und Erdbeerkuchen, Florentiner-Kirsch oder Stachelbeer-und Johannisbaiser im Trend. Doch der Wandel der Zeit spiegelt sich nicht allein auf dem Kuchenteller wider. Die Damen mit den prächtigen Hüten - sie gehören schon lange der Vergangenheit an. Heute bevölkern das Café "Lück wie ich un do" - aus Nippes und Niederaußem ebenso wie aus New York.
Das Café Reichard ist täglich von 8.30 Uhr bis 20 Uhr geöffnet. Alle Speisen stammen aus eigener Herstellung. Die Karte umfasst diverse Frühstücksangebote, kleine und größere Gerichte sowie täglich etwa 40 Kuchen-Spezialitäten, dazu Gebäck und Pralinés. Allein fünf der 65 Reichard-Mitarbeiter sind Konditoren. Weitere Informationen: Telefon 257 85 42. (KE)
Das Café Reichard nach dem Krieg: Umgeben von Trümmern lief das Terrassengeschäft.